Allgemein

Operation Bøllebank

Eine operative Erinnerung

von

Jürgen R. Weber

Der EMI Querschnitt des „Trovatore“ war eine meiner ersten Opernlangspielplatten. Ich ließ die Diamantennadel wieder und wieder über Manricos Stretta »Di quella pira« tanzen. Was für ein Showstopper! Giuseppe di Stefano, kurz unterbrochen von einer völlig hysterischen Maria Callas, ruft einen italienischen Herrenchor mit Hilfe von zwei hohen C’s zu den Waffen. Um was es wirklich ging, war mir damals sowohl schleierhaft als auch egal.

Als ich die Stretta eines Tages zum ersten Mal live hörte, war ich einigermaßen abgetörnt: Ein nervöser Tenor dessen Spitzentöne wie die Todesschreie eines rachitischen Erpels klangen. Aber dann, mein zweiter Troubadour: Franco Bonisolli! Er kam, sang und siegte! Seine C’s ließen die Scheinwerfer vibrieren. Und es gab – auch das einmalig – ein Dacapo vor dem Vorhang. Weder der Dirigent, noch das Orchester waren davon begeistert – wir Opernfreaks umso mehr. Franco stampfte den Takt mit dem Fuß und der Jubel kannte keine Grenzen.

Nach diesem intensiven Abend gingen mein Freund Werner und ich, wie wir es damals wir nach Opernbesuchen öfters zu tun pflegten, auf die Reeperbahn, um in einem kleinen aber feinen Stripteaseclub den Abend geschmackvoll ausklingen zu lassen. Wir diskutierten die sprunghafte, unlogische und völlig übertriebene Handlung, die keiner von uns ernst nehmen konnte. Schließlich kamen wir zu früher Stunde ins Gespräch mit einer der tanzenden Damen, die sich uns als »Anamitra aus Indien« vorstellte. Sie war keineswegs die Tochter eines Maharadschas, sondern eine Roma aus Jugoslawien, also eine »Zigeunerin«, die hier nackt tanzend Geld für ihre weit verzweigte Familie verdiente. Nachdem wir ihr einen Drink spendiert hatten (Passen Sie auf, so etwas kann in einem Stripteaseclub teuer werden!), erzählte sie uns eine Geschichte, die meine Sicht auf den »Troubadour« für immer verändern sollte.

Anamitras Familie und andere Roma waren in den 70ern von Tito- Milizionären terrorisiert worden. Zuerst gab es Hausdurchsuchnugen, dann wurden die Hunde erschossen schließlich brannte ein Haus. Dabei kam eine Tante von Anamitra ums Leben. Angeblich verschwand am nächsten Tag einer der beiden kleinen Söhne des verantwortlichen Milizionärs Milos Nusiç. Fast die ganze Romafamilie wanderte später nach Österreich aus.

Ich hätte mich gar nicht mehr an diese Geschichte erinnert, wenn mich nicht Werner über 20 Jahre später daran erinnert hätte. Während ich mich also vom Opernfreak zum Opernklugscheißer gemausert hatte, arbeitete Werner für das Österreichische Fernsehen an einem Beitrag über österreichische Söldner im Bosnienkrieg. Bei den Recherchen hatte er zufällig Anamitra wieder getroffen, die nun ein kleines Café in der Nähe von Salzburg besaß. Sie erzählte ihm das unglaubliche Ende ihrer Familiengeschichte.

1991, noch vor dem Ausbruch des Krieges in Bosnien, war die Tochter ihrer Tante mit ihrem Sohn Django wieder zurück in ihre Heimat gezogen. Django hatte als Moderator bei einem lokalen Radiosender einige Berühmtheit erlangt, als die Feindseligkeiten zwischen den von Ratko Mladić geführten serbischen Truppen und den bosnischen und kroatischen Kräften ausbrachen. Ein Truppenführer tat sich dabei durch besondere Effizienz und Grausamkeit hervor: Slobodan Nusiç, der Sohn jenes Milizionärs, der damals gegen die Zigeuner gewütet hatte.

Inzwischen kämpfte Django in der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina als Offizier gegen die serbischen Truppen. Nach einer serbischen Offensive geriet Djangos Mutter in Nusiçs Fänge. Der legte sich dann am 29. April 1994 in der Nähe von Tuzla mit UN Truppen an.

Eine dänische UN-Einheit neutralisierte daraufhin mit Hilfe ihrer 7 deutschen Leopard 1 Panzer eine von Nusiçs Stellungen. (Operation „Bøllebank“)

Als Django das erfahren hatte, versuchte er mit einem Kommandounternehmen seine Mutter aus Nusiçs Lager zu befreien. Aber Djangos Einheit wurde vernichtet, er selbst geriet in Gefangenschaft und wurde zu Tode gefoltert. Das Gleiche hatte Nusiç mit Djangos Mutter vor. Bevor sie ihren Geist aufgab, gestand sie ihrem Peiniger, dass Django gar nicht ihr Sohn, sondern Nusiçs Bruder sei, den sie als Rache für den Tod ihrer Mutter entführt hatte. Nusiç hatte also gerade seinen eigenen Bruder zu Tode gequält.

Bis auf die Liebesgeschichte waren alle Elemente des »Troubadour« in der Erzählung enthalten. Das Unübersichtliche, Unlogische und Sprunghafte in Verdis dramma lirico kam der Wirklichkeit erschreckend nahe. Nusiç wird vom Haager Internationalen Strafgerichtshof bis zum heutigen Tag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht.

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